Unser 3-jähriger Marktüberhang

Die Finanzkrise 2008/09 hat auch nach einer dramatischen Erholung ihre Spuren bei den Investoren hinterlassen. Ein Verhaltensfinanzexperte erklärt, warum.

Die Finanzkrise 2008/09 hat auch nach einer dramatischen Erholung ihre Spuren bei den Investoren hinterlassen. Ein Verhaltensfinanzexperte erklärt, warum.


By: Victor Ricciardi

Seit dem Ende der verheerenden Finanzkrise 2008/09 ist es nun mehr als drei Jahre her. Seitdem sind die Aktienmarktrenditen herausragend – zumindest für Anleger, die nicht in bar sitzen. In den 36 Monaten nach dem Tiefpunkt am 9. März 2009 erzielten die US-Aktien eine jährliche Rendite von über 25%. Der kanadische Markt lieferte in diesem Zeitraum jährlich etwa 19%. Selbst europäische Aktien – trotz eines schwierigen Jahres 2011 und anhaltender Sorgen – liegen rund 60% über ihren Tiefstständen von 2009.

Aber man merkt es nicht, wenn man mit Investoren spricht, die nervös, ja sogar gelähmt bleiben. Es ist verständlich, dass sich die Anleger nach der Krise schockiert fühlten, aber ist es nicht überraschend, dass sich viele Menschen auch drei Jahre später noch so fühlen? Was erklärt unsere Angst und den verminderten Risikowunsch, auch nach einer so dramatischen Erholung?

Hier sind vier allgemeine psychische Zustände, die helfen, unseren anhaltenden Kater zu erklären.

Verlustaversion: Menschen neigen dazu, sich auf das Abwärtsrisiko zu konzentrieren, wenn sie in Aktien investieren. Wenn sie einen Verlust erleiden, erleben sie nicht nur einen objektiven Verlust in Dollar, sondern auch einen subjektiven “emotionalen Verlust”. Dies kann lange Zeit anhalten, und viele Aktienanleger, die während der Finanzkrise Großschäden erlitten haben, meiden immer noch wahrgenommene riskantere Anlageklassen wie Aktien (und Aktienfonds).

Verankerung: Investoren konzentrieren sich oft auf bestimmte Informationen, und diese Bezugspunkte beeinflussen ihre Entscheidungen. Für einige ist die Finanzkrise 2008/09 weiterhin ein negativer Bezugspunkt oder Anker. Sie erinnern sich vielleicht an den Wert ihres Portfolios Mitte 2008, bevor der Markt einbrach, und beschäftigen sich mit dem Thema “Zurück zum Ausgleich”. Wenn Investoren bei einer schlechten Erfahrung ankern, können sie übermäßig risikoscheu und verlustarm werden. Dies führt zu einem höheren Grad an Sorge, die zu einer Untergewichtung der Aktien in ihren Portfolios führen kann.

Depressionen: Eine aktuelle Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen saisonaler Depression und Investitionen. Es wurde festgestellt, dass Personen, die in den Wintermonaten depressiv werden, eher risikoavers werden und weniger wahrscheinlich in Aktien investieren. Dieses neue Ergebnis deutet darauf hin, dass diese Zyklen auf dem Markt auch etwas mit Zyklen emotionaler Depression zu tun haben könnten – oder umgekehrt.

Trägheit: In Zeiten finanzieller Not können Menschen, die Verlustabneigung, Verankerung und Depression erlebt haben, an Trägheit oder “Unachtsamkeit” leiden. Sie wollen ihre Portfolios nicht mehr verwalten, weil sie nicht über ihre schlechten Erfahrungen nachdenken wollen. Diese Trägheit kann langfristige Folgen haben. Eine Studie untersuchte eine Million Alterskonten über einen Zeitraum von zwei Jahren und ergab, dass etwa 80% der Teilnehmer nur sehr wenige oder gar keine Geschäfte machten. Nach der Finanzkrise hatten viele Vorsorgesparer Portfolios, die untergewichtet in Aktien und übergewichtet in Anleihen und Bargeld waren. Durch das Nicht-Rebalancing haben sie sich möglicherweise zu konservative Portfolios zugelegt, was dazu führen kann, dass sie ihre Sparziele verfehlen.

In jedem Marktumfeld ist es wichtig, einen jährlichen Portfoliocheck durchzuführen, um die emotionalen Impulse zu vermeiden, die bei Bullenmärkten (hohes Maß an Übervertrauen) oder Bärenmärkten (extremer Pessimismus) auftreten. Ihr Portfolio sollte auf einer Risikotoleranzanalyse, einer Asset Allocation-Strategie und einem regelmäßigen Rebalancing basieren und nicht auf Emotionen.

Anleger sollten das Konzept der Umkehrung zum Mittelwert im Auge behalten. Dieses Prinzip basiert auf der Annahme, dass Börsenzyklen und Anlageklassen langfristig dazu neigen, zu ihrem historischen Durchschnitt (oder Mittelwert) zurückzukehren. So liegt beispielsweise der historische Durchschnitt der Aktienrenditen im Bereich von 8% bis 12%. Ein nicht-emotionaler Ansatz für langfristige Entscheidungsfindung wird Investoren helfen, mentale Fehler zu vermeiden, impulsive, emotionale Urteile zu kontrollieren und einen Anteil an dem zu verdienen, was die Märkte zu bieten haben.

Victor Ricciardi ist Assistant Professor, Financial Management, am Goucher College in Baltimore.

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Finanzierungszeit
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